Ja, ich gebe es zu, ich bin rebellisch.
Jetzt denken bestimmt viele, o nein! Wahrscheinlich eine von denen, die sich als Kind im Einkaufszentrum auf den Boden geworfen und dort geschrien und gezappelt haben. Arme Eltern!
Aber so war das nicht. Im Gegenteil. Ich war ein ausgesprochen braves Kind. Mein sehnlichster Wunsch war es dazu zu gehören. Ich erkannte, dass meine Mutter mit meinem großen Bruder überfordert war, und tat alles, um ihr das Leben leichter zu machen. Ich schluckte unfaire Behandlung hinunter, wenn mein Bruder mir seine Untaten in die Schuhe schob verteidigte ich mich nicht. Als Kind ertrug ich sogar Schläge für Sachen, die ich nicht angestellt hatte, nur, weil ich sah, dass meine Mutter keine Nerven mehr hatte und sich nicht anders helfen konnte. Ich war ihr nie böse.
In der Schule wollte ich sein, wie die anderen. Nicht auffallen, keine Probleme machen, helfen, die Lehrerin unterstützen. Ich stellte mich stets auf die Seite der Schwachen um auch sie in die Gemeinschaft herein zu holen. Ich verteidigte sie und brachte ihre Sichtweise in Diskussionen ein. Dafür wurde ich zwar geachtet – meine „Mandanten“ fanden meistens auch ihren Weg zurück in die Gemeinschaft – doch ich stand dadurch automatisch immer etwas abseits.
Dass ich mich heute kompromisslos gegen das herrschende System stelle kam so:
Ich erinnere mich, dass ich schon als kleines Mädchen traurig war, wenn ich irgendwo in entlegenen Gebieten in den Bergen Mist fand. Meistens war es irgendein Stück Plastik – die Verpackung eines Marsriegels oder ein Zuckerlpapier. Ich hatte das starke Gefühl, dass da etwas nicht in Ordung war.
Als Jugendliche erfuhr ich, dass es soetwas wie einen Klimawandel gibt, und es leuchtete mir sofort ein. Das viele Benzin und Öl, das wir in die Luft pumpten musste irgendeinen Effekt haben. Immer wunderte ich mich jedoch, dass all dies in der Politik keinen oder wenn, dann nur kaum, Niederschlag fand. Andere Themen waren dagegen extrem wichtig:
In meiner Umgebung wurden Umweltaktivisten und Klimaschützer als etwas Merkwürdiges wahrgenommen. Menschen, die zwar schon irgendwo recht hatten, die aber zu viel Zeit hatten, lieber arbeiten gehen sollten und eigenlich eher lästig waren. Sie waren anders: selbstgestrickte Wollpullover, breite hässliche Sandalen (nicht selten in Kombination mit Socken), stets einbisschen ungekämmt, unrasiert und wahrscheinlich – das konnte ich nur vermuten, weil ich sie nur aus dem Fernsehen kannte – einbisschen ungepflegt. Sie spielten Gitarre, rauchten, sangen Lieder von und redeten viel über die Liebe.
Zwar waren sie stets friedlich aber für die Menschen in meiner Umgebung schien ein unausgesprochener Vorwurf von ihnen auszugehen, und aus meiner heutigen Sicht war das wahrscheinlich der Grund, weshalb man sie allgemein belächelte. Es hieß, sie hätten schon irgendwie recht, dass es so, wie das System nun einmal lief, nicht gut war. Aber sie forderten quasi, dass wir zurück auf die Bäume sollten, und das war ja nun wirklich lachhaft! Wie sollte das gehen? Und wer sollte das wollen! Spinner!
Seit ich mein Elternhaus verlassen habe und mein Leben selbst in der Hand habe, hat sich viel verändert. Aber eines ist gleich geblieben. Ich habe ein große Hemmung jemandem weh zu tun. Ich sehe die Not, in der mein Gegenüber steckt. Es tut mir körperlich weh, wenn ich sehe, wie Menschen sich gegenseitig verletzen. Ich sehe auch, warum sie das tun, weil sie nämlich selbst so verletzt und überfordert sind.
Nein, aus mir wurde keine Rechtsanwältin, wie viele nun vielleicht vermuet hätten, ich arbeite auch nicht für Amnesty. Ein solches Leben hätte mich aufgefressen. Stattdessen stürzte ich mich in das einzige Gebiet, das Verletzungsfreiheit garantieren konnte, da es nicht die Menschen untereinander ausspielte und in Konkurrenz zueinander stellte, sondern sich an etwas außerhalb menschlicher Macht misst, die Naturwissenschaften. Ich wurde Chemikerin.
Zwar menschelt es natürlich auch hier an allen Ecken und Enden, aber letztendlich kann man davon ausgehen, dass sich Vernunft gegen Ambition und Macht durchsetzt. Jedenfalls ist hier naturgemäß kein Nährboden für bodenlose Profitgier und grenzenloses Machtstreben. Das Ziel der Naturwissenschaften ist es, zu verstehen wie die Welt, das Universum und als höchste Disziplin auch das Leben funktionieren. Dadurch grenzen sie sich auch scharf von den technischen Wissenschaften, den Sozial- oder gar den Wirtschaftswissenschaften ab.
Warum ich also heute rebelliere?